Lernwegmodelle für E-Learning

Der untenstehende Text basiert auf Gruber 2009a, S. 148ff. Der Text wurde teilweise zitiert, angepasst und umformuliert.

Werden dem Lerner Auswahlmöglichkeiten angeboten, die zwischen hierarchischen, ganzheitlichen oder verknüpften Navigationsmöglichkeiten unterscheiden, kann der Lernende zwischen vorgegebenen Pfaden und frei wählbaren Wegen aussuchen oder stöbernd vorgehen [vgl. K. Schmidt 2004]. Damit Lerner unterschiedliche Sichten auf Informationsobjekte gewinnen und unterschiedliche Zugänge zu einzelnen Themen einschlagen können, müssen die Zusammenhänge der Inhalte modelliert werden. [Schmidt 2004] Zudem müssen dem Lernenden unterschiedliche Räume als Orte zu präsentiert werden, in denen jeweils spezifisch gehandelt werden kann. [Stuber 2000]

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Schemantische Darstellung Lineare Darbietung. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Bereits 1997 weist Alfred Stöber darauf hin, dass die meisten computergestützten Lernprogramme nicht differenziert auf individuelle Charakteristika der Lernenden und unterschiedlichen Zielgruppen eingehen. Das hat sich heute im Allgemeinen nicht wesentlich verbessert. Erfolgreiches Lernen und der erwartete Lernerfolg stellen sich selten ein. Das von Alfred Stöber konstruierte allgemeine Modell, ermöglicht auf mehreren Ebenen situationsgerechte Entscheidungen über den Einsatz, die Gestaltung und die Realisierung von computergestützten Lernsystemen. Das zentrale Konzept dieses Modells sind Lernwege, auf deren Basis Stöber verschiedene E-Learning-Strategien identifiziert.

Diese Lernwegmodelle sind eine wichtige Grundlage, um Vermittlungs- und Bildungsarbeit für heterogene Zielgruppen effektiv einsetzen zu können. Dabei handelt es sich um die sechs Lernwegmodelle [Stöber 1997, S. 34-42]:
  • Lineare Darbietung,
  • Verzweigte Darbietung,
  • Leittext,
  • Strukturiertes Entdecken,
  • Problemorientiertes Entdecken und
  • Freies Nachschlagen.

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Schemantische Darstellung Verzweigte Darbietung. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Bei der linearen Darbietung (Siehe Abbildung: Schematische Darstellung Lineare Darbietung) erfolgt die Präsentation der Lerninhalte so, dass "eine vom Lerner gesteuerte Auswahl der Lehrobjekte" [Stöber 1997, S. 34] nicht möglich ist. Die Steuerung des Ablaufs "erfolgt durch das Programm entlang der definierten und implementierten Programmablauflinie" [Stöber 1997, S. 34]. Die meisten der E-Learning-Beispiele in diesem Wiki folgen diesem Prinzip.

Die verzweigte Darbietung (Siehe Abbildung: Schemantische Darstellung Verzweigte Darbietung) zeichnet sich durch eine verzweigte Programmstruktur aus. Diese beinhaltet mehrere Ablauflinien, wobei jede dieser Ablauflinie jeweils eine Sequenz an Lehrobjekten – sozusagen einzelne Kapitel – beinhaltet. Der Lerner hat die Möglichkeit bspw. im Auswahlmenü eine Ablauflinie auszuwählen und zu durchlaufen.

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Schematische Darstellung Leittext. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Beim Leittext „verbinden sich darbietende und angeleitete Präsentationen“ [Stöber 1997, S. 36]. Dabei werden dem Lerner Lehrobjekte in Form eines Fließtextes dargeboten. (Siehe Abbildung: Schemantische Darstellung Leittext) An vordefinierten Stellen im Fließtext wird auf Objekte verwiesen, die detailliertere bzw. zusätzliche Informationen und/oder Aufgaben beinhalten. Die Aktivierung erfolgt durch den Lerner selbst im Sinne des selbstgesteuerten Lernens.

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Schematische Darstellung Strukturiertes Entdecken. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Beim strukturierten Entdecken wird die Auswahl einzelner Lehrobjekte anhand ihrer Struktur ermöglicht. Voraussetzung dafür ist die Abbildung der Objektstruktur bzw. der Beziehungen zwischen den Objekten. (Siehe Abbildung: Schemantische Darstellung Strukturiertes Entdecken) Die Abbildung dieser Beziehungen ist nicht linear; sie ist vernetzt. Die einzelnen Lehrobjekte sind miteinander verknüpft und dadurch einmal Vorgänger und ein anderes Mal Nachfolger. „Der Lerner entscheidet bei jedem Objekt, welche der Beziehungen er wahrnehmen will“ [Stöber 1997, S. 37]. Das bedeutet, dass der Lerner selbst entscheidet, was er als nächste macht.

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Schematische Darstellung Problemorientiertes Entdecken. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Beim problemorientierten Entdecken wählt der Lerner selbstgesteuert die Objekte aus, die er zur Lösung eines Problems benötigt. „Die Lehrobjekte müssen dazu nicht strukturiert sein, sondern lediglich ausgehend von der Problemsituation selektierbar.“ [Stöber 1997, S. 39] (Siehe Abbildung: Schemantische Darstellung Problemorientiertes Entdecken) Alfred Stöber beschreibt hierzu verschiedene Varianten, wobei an dieser Stelle auf die Literatur verwiesen sei [vgl. dazu Stöber 1997, S. 39-42].

Freies Nachschlagen (Suchen und Finden) bezeichnet ein Modell, bei dem die Selektion von Objekten „vollkommen frei von irgendwelchen Kontexten“ [Stöber 1997, S. 42] erfolgt. (Siehe Abbildung: Freies Nachschlagen) Dabei sind die Lehrobjekte weder in eine Struktur noch an ein Problem gebunden. „Wie in einem Lexikon selektiert der Lerner diejenigen Objekte, die ihn interessieren.“ [Stöber 1997, S. 42] Diese Lernobjekte müssen zwar nicht strukturiert sein, jedoch über Freitexteingabe oder durch Auswahl aus einem Register ausgewählt werden können.

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Schematische Darstellung Freies Nachschlagen. Nach Alfred Stöber (1997), © M.R. Gruber 2006
Elisabeth Grunau (2004) schreibt Lernprogrammen eine wichtige Rolle zu, da sie maßgeblich auf die Navigation des Lerners einwirken. Grund dafür ist die Feststellung, dass der Lernende mit deren Hilfe bestimmte Lernaufgaben bewältigen soll. Wie sich der Lerner durch
ein Lernprogramm bewegt, hängt ab von „Inhalt, Umfang und Strukturierung der Informationen,“ [Grunau 2004, S. 101] von der dem Lernwerkzeug zugrunde liegenden Lerntheorie und den „Navigationsmöglichkeiten und -hilfen, die das Lerntool anbietet“ [Grunau 2004, S. 101].

Lernprogramme und -aufgaben sind meist vorgegeben; Der Lernpozess kann durch den Lerner jedoch beeinflusst werden. Grunau (2004) nennt hierfür zwei Arten von Parametern: Der erste Parameter beinhaltet Lernstil, Navigation im Realraum, Medienkompetenz, Vorwissen und Motivation. Sie wirken sich direkt auf die Navigationsstrategie des Lerners aus. Der zweite Parameter impliziert Geschlecht und Kultur der Lernenden. "Sie wirken indirekt auf den Navigationsprozess ein, indem sie einen Einfluss auf die oben genannten Größen ausüben.“ [Grunau 2004, S. 101]