Sechs Thesen für Bildungsräume durch E-Learning

In meiner Forschungsarbeit E-Learning im Museum und Archiv. Vermittlung von Kunst und Kultur im Informationszeitalter (Gruber 2009a) wurden sechs Thesen zum Einsatz von digitalen Technologien in der Kunst- und Kulturvermittlung formuliert und näher beschrieben. "Diese Thesen sollen einen erfolgreichen E-Learning-Einsatz gewährleisten und helfen, vorhandene Lösungen zu beurteilen und zu verbessern." [Gruber 2009a, S. 173ff] Die sechs Thesen beziehen sich auf folgende Themenbereiche:
  • Kontextualisierung
  • Personalisierung
  • Vernetzung
  • Abwechslung
  • Flexibilisierung
  • Evaluierung

Kontextualisierung

"Kontextualisierung erfolgt auf den drei Ebenen Objekt, Institution und Lerner. Die Kontextualisierung in Bezug auf das Objekt besteht aus einer Ent-Kontextualisierung, indem das Kunst- und Kulturgut aus seinem ursprünglichen Zusammenhang genommen wird. Durch die Einordnung eines Objekts in eine Sammlung oder in einen Bestand erfolgt eine Neu- Kontextualisierung. Zur Re-Kontextualisierung des Kunst- oder Kulturguts kommt es dann, wenn die ehemaligen Sinnzusammenhänge verschiedener Objekte durch gegenseitiges In-Bezug-Setzen wieder hergestellt und zugänglich gemacht werden. Der Kontext einer Institution ergibt sich aus den Rahmenbedingungen und deren inhaltlicher Ausrichtung. Kontextualisierung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich Lösungen in die Rahmenbedingungen und die inhaltliche Arbeit dieser Institutionen einbetten und anpassen lassen. Kontextualisierung beim Lerner bezieht sich auf den kulturellen Hintergrund und die sozialen Praktiken, die zu berücksichtigen sind. Die Aufgabe des E-Learning besteht darin, die Vermittlungsarbeit in Bezug auf die verschiedenen Kontexte zu unterstützen. Bildungsräume können hierbei als Modell genutzt werden, in denen Objekte zueinander in Beziehung gesetzt und verschiedene Perspektiven für die Lernenden eröffnet werden." [Gruber 2009a, S. 173]

Personalisierung

"Personalisierung bezieht sich auf den Lerner als Individuum. Die zu vermittelnden Inhalte können verschiedenen Zielgruppen aufgrund unterschiedlichen Vorwissens, Motivation, Vorlieben und Interessen zugeordnet, jedoch nicht auf die selbe Art und Weise vermittelt werden. Die Personalisierung ist bei der Umsetzung von E-Learning-Angeboten schwierig, weil die entsprechenden Faktoren für jeden Einzelnen dynamisch sind (vgl. Specht und Oppermann 1999). Bereits vorhandene technische Lösungen zeigen, dass digitale Medien personalisierte Lernprozesse ermöglichen. Das Konzept der Bildungsräume definiert Gestaltungskriterien, die selbstgesteuertes und partizipatives Lernen unterstützen. Aus Sicht der Personalisierung sind daher Möglichkeiten notwendig, die Lernende beim Erforschen, Besiedeln und Verändern des Bildungsraums unterstützen." [Gruber 2009a. S. 174]

Vernetzung

"Die Vernetzung durch digitale Medien erfolgt auf den beiden Ebenen Institution und Lerner. Durch bereits vorhandene Technologien können verschiedene Institutionen so miteinander vernetzt werden, dass neues Wissen und neue Angebote durch eine Erweiterung der verfügbaren Informationen und Objekte geschaffen wird. Das bedeutet unter anderem, dass gemeinsame Aktivitäten entstehen und ein gegenseitiger Austausch stattfinden kann. Auf dieser Ebene bieten digitale Medien kleineren Institutionen verbesserte Kooperationsmöglichkeiten und einen erleichterten Informationsaustausch.
Für die Lernenden können Bereiche zur Verfügung gestellt werden, die einen Austausch mit anderen Lernern oder dem Vermittler ermöglichen. Die Vernetzung erfolgt dann über ähnliche Interessen, Fragen oder Vorwissen, wobei die digitalen Medien für den Kommunikationsprozess und den Austausch genutzt werden (z. B. E-Mail, Chat und Diskussionsforen). Hierbei sind Konzepte der Lerngemeinschaften (learning communities) und der sozialen Netzwerke als Kooperationsmodelle für Bildungsräume zu berücksichtigen." [Gruber 2009a, S. 174]

Abwechslung

"Die Teilnahme an Kunst- und Kulturvermittlungsaktionen erfolgt freiwillig. Die Motivation der Lernenden muss im Lernprozess laufend angeregt werden. Das bedingt ebenfalls, dass Lernangebote neugierig machen müssen. Stereotype, immer wiederkehrende Eindrücke, Aufgaben und Funktionen sind langweilig und bedingen das Verlassen des Lernangebots. Aus diesen Gründen muss ein durch E-Learning geschaffener Bildungsraum Abwechslung bieten, damit der Lerner motiviert wird, weiter zu machen. Externe Motivatoren wie Leistungsdruck, Bewertung und Konkurrenzdenken spielen dabei nur eine marginale Rolle." [Gruber 2009a, S. 174]

Flexibilisierung

"Wie die Vermittlungs- und Bildungsarbeit von Museen und Archiven sind auch die zu vermittelnden Inhalte und Themen vielschichtig. Daher ist die Flexibilität von Lernangeboten in der Kunst- und Kulturvermittlung notwendig. Beim Einsatz digitaler Medien ist zu berücksichtigen, dass neue Inhalte in bereits bestehende Angebote integrierbar sind und diese ergänzen. Wird dem Konzept des Bildungsraums gefolgt, ist eine zusätzliche Flexibilität nötig, die es Lernenden ermöglicht, sich als Co-Produzenten in das Lernangebot einzubringen.
Statische Lösungen für Lernangebote sind in ihrer Herstellung aufwendig und können in weiterer Folge nur schwer angepasst werden. Für Kunst- und Kulturvermittlung muss E-Learning flexibel, ausbaufähig, erweiterbar und integrierbar sein und darf sich nicht auf einzelne Themen oder Methoden beschränken. Außerdem muss E-Learning an die Didaktik adaptierbar sein, die in der jeweiligen Institution praktiziert wird." [Gruber 2009a, 175]

Evaluierung

"Museen und Archive sind um ihre Besucher und Benutzer bemüht. Kontinuierlich durchgeführte Evaluationen und Besucherumfragen in Museen tragen zur Besucherorientierung und der Weiterentwicklung bestehender Angebote bei. Diese Angebote werden an den Wünschen und Bedürfnissen der Besucher ausgerichtet und angepasst. In Archiven werden die Benutzer, wenn sie in die Institution kommen, registriert. Dadurch wird erhoben, welche Motivation den Einzelnen ins Archiv führt und welche Interessen dabei verfolgt werden. Diese Informationen werden zur Weiterentwicklung vorhandener und zur Initiierung neuer Angebote genutzt. Um digitale Lernangebote kontinuierlich an die Zielgruppen der Institution ausrichten zu können, muss diese Evaluationspraxis auch durch E-Learning-Lösungen unterstützt werden. Dadurch wird die Qualität dieser Angebote sichergestellt." [Gruber 2009a, S. 175]

Referenzierte Literatur und Online-Ressourcen